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Titelbild des Artikel: Wer bestimmt, was auf unseren Tellern landet?

Wer bestimmt, was auf unseren Tellern landet?

«Die Konsument*innen sollen mehr Bio kaufen, dann werden in der Landwirtschaft automatisch weniger Pestizide eingesetzt», sagt der Bauernverband. Das ist richtig und falsch zugleich. Denn noch bevor ein Produkt im Laden landet, haben Politik und Handel ihre Finger im Spiel. Und zwar stärker, als wir Konsumenten*innen denken würden!

Wenn wir einkaufen, haben wir oft eine Wahl: Wir können in den Supermarkt, den Quartierladen oder zum Hofladen. Wir können uns für ein konventionell angebautes Produkt entscheiden, für ein Tierwohl-Label oder für ein Bio-Lebensmittel. Wir können uns für ein saisonal-regionales oder für ein importiertes Gemüse entscheiden. Gerne wird diese Wahl nun als Argument gegen eine ökologischere Agrarpolitik verwendet. Der Markt entscheide, was und wie produziert wird. Die Konsument*innen hätten es in der Hand: Wenn sie vermehrt Bio einkaufen, werde auch mehr Bio produziert. Politische Massnahmen brauche es deshalb keine.

Auf den ersten Blick ist diese Argumentation einleuchtend, weil sie gefühlsmässig stimmt. Aber sie greift zu kurz, denn die Wirklichkeit ist deutlich komplexer. Doch der Reihe nach.

Mehr Staat als Markt

In kaum einem Bereich unserer Wirtschaft greift der Staat so stark ein wie bei der Landwirtschaft. Der Staat bestimmt, wer Landwirtschaftsland kaufen kann, wie angebaut werden darf und er bestimmt über ein ganzes Arsenal an Direktzahlungen bis zu einem gewissen Grad auch, was angebaut wird. Über wöchentlich variierende Importzölle auf vielen landwirtschaftlichen Produkten reguliert der Bund die Preise so, dass die hiesigen Produkte wettbewerbsfähig bleiben. Und wenn es auf dem Weltmarkt zu Verwerfungen kommt, wie zum Beispiel 2018 als der Zuckerpreis einbrach, macht die Agrarlobby so viel Druck, dass der Bund sofort mit Stützungsmassnahmen eingreift. Das Signal der Konsument*innen ist also nur eines unter vielen. Mindestens so wichtig ist die Agrarpolitik, welche die Landwirtschaft gestaltet.

Externe Kosten

Hinzu kommt: Wenn ich heute bei Coop Rüebli kaufen möchte, habe ich die Auswahl zwischen «Prix Garantie», «Qualité & Prix» und «Naturaplan». Je nach Wahl bezahle ich gut 1.30 Franken bis 3.60 Franken pro Kilo – eine stolze Preisspanne von fast 300%! Wie können die konventionellen Rüebli so günstig sein? Ein Grund dafür ist, dass die externen Kosten nicht auf den Produktpreis geschlagen werden. Die schwindende Biodiversität (also zum Beispiel das Insektensterben), das mit Pestiziden belastete Grundwasser oder die Gesundheitsschäden der Produzent*innen zahlt die Allgemeinheit – diese Konsequenzen der Produktion finden sich nicht auf dem Kassenbon. Wer ökologisch produzierte Produkte kauft, zahlt heute also doppelt: Einmal beim höheren Produktpreis und das zweite mal mit den Steuern, mit denen Schäden von konventionellen Produkten behoben werden müssen. Wer nie Bio kauft, profitiert entsprechend von den Bio-Käufer*innnen. Eine Ungerechtigkeit.

Die nicht vorhandene Wahl

Auch nicht zu vernachlässigen ist der Fakt, dass die Auswahl nicht in allen Lebenssituationen gegeben ist. Gerade bei der Verpflegung unterwegs wird dies sichtbar – oder haben Sie jemals Bio-Sandwiches am Kiosk gesehen? Dasselbe gilt für die Firmenkantine. Die Auswahl besteht da meist aus Menu eins oder zwei oder Vegi – wer bio & saisonal verlangt, erntet nicht mehr als ein Stirnrunzeln. Und sogar in der Gastronomie sind die Betriebe, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzen, dünn gesät. Konsequent ökologisch und fair zu konsumieren braucht neben einer gehörigen Portion Wissen deshalb auch einiges an Planung und Organisationstalent.

Fazit

Sollen wir Konsument*innen uns nun nicht mehr bemühen, ökologisch einzukaufen? Doch, natürlich! Wer möglichst saisonal, pflanzlich und biologisch einkauft und dies allenfalls sogar direkt auf dem Hof, tut was Gutes für die Umwelt, die Wertschöpfung der Bauernbetriebe und seine eigene Gesundheit. Aber die politischen Strukturen und die verzerrten Preise fördern den nicht-nachhaltigen Anbau und Konsum. Es ist also ein Märchen, dass es die Konsument*innen alleine in der Hand hätten, die Landwirtschaft zu ökologisieren. Es braucht neben einem verantwortungsvollen Handeln der Konsument*innen eine Ernährungs- und Agrarpolitik, welche die Weichen entsprechend stellt. Eine Hexerei ist dies nicht und beispielsweise mittels Lenkungsabgaben lässt sich relativ einfach mehr Kostenwahrheit schaffen. Sofern der politische Wille vorhanden ist.

Es ist höchste Zeit, die Mär der allmächtigen Konsument*innen zu durchschauen und eine zukunftsfähige Agrarpolitik umzusetzen!